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Theresa May - Eine Analyse aus der Verhandlungssicht  

von Foad Forghani

Kontrolle über die Verhandlungsumgebung ist die Devise eines guten Verhandlers. Eine Verhandlungsumgebung zu kontrollieren impliziert die Fähigkeit, die nächsten Schachzüge des Verhandlungspartners vorauszusehen und hierfür Gegenmaßnahmen parat zu haben. Wenn es allerdings einem Verhandler gelingt die taktischen Züge des anderen nicht nur zu antizipieren, sondern diese sogar zu initiieren und somit zu lenken, hat er vollkommene Kontrolle über die Verhandlung. Oft bleibt jedoch ein solcher Ansatz viel mehr ein Versuch als ein Faktum, aber teilweise und zeitweise kann in der Tat der Anspruch des ganzheitlichen Determinierens der Verhandlungslandschaft gelingen. Voraussetzung hierfür ist natürlich das permanente Bestreben aus der passiven bzw. reaktiven Rolle heraus zu kommen und in einer aktiven Rolle hineinzugehen. Das bedeutet konkret, solange der Verhandlungspartner Aktionen durchführt und die Gegenseite mit Gegenmaßnahmen darauf reagiert, ist sie in einer passiven Rolle. Sie sollte nicht nur auf die Handlungen seines Verhandlungspartners abwartend reagieren, sondern zugleich Folgehandlungen durchführen, welche die Reaktionsoptionen des anderen einschränken. Damit wird die andere Seite nicht nur durchschaubar, sondern auch kontrollierbar, da die Reaktionsmöglichkeiten faktisch vorgegeben werden. Je mehr Akzente vor, während und nach den Maßnahmen der Gegenseite in diesem Zusammenhang gesetzt werden umso besser, denn dadurch übernimmt man zunehmend eine aktive und bestimmende Rolle in der Verhandlung.
 

Ein Negativbeispiel für die erläuterte Vorgehensweise ist die Rolle der britischen Premierministerin, Theresa May, in der Brexit-Verhandlung.
Hierbei können zuerst die Gestik und Mimik von Theresa May analytisch betrachtet werden.

„In der Ruhe liegt die Kraft“, heißt es im Volksmund und dieser Leitsatz stimmt allemal für Führungspersönlichkeiten. Denn sie benötigen die permanente innere Balance, das innere Gleichgewicht, um frei von Druck und Dringlichkeit der Außenwelt, gute Entscheidungen treffen zu können. Die innere Haltung, wird stets äußerlich sichtbar. Aus diesem Grund ist die Gestik von Führungsfiguren geschmeidig und trägt eine gewisse Langsamkeit inne. Rückartige und hastige Bewegungen sind bei ihnen selten zu sehen. Dies ist lediglich ein Indikator für die innere Gemütslage der Person. Darüber hinaus ist die Mimik entspannt und vermittelt den Anspruch der Überlegenheit der Situation gegenüber. All diese Merkmale sind bei Theresa May nicht zu sehen. Sie vermittelt durch ihr non-verbales Auftreten genau das Gegenteil von Ruhe und Überlegenheit. Vermutlich hätte ein Margareth Thatcher an dieser Stelle anders agiert.

Darüber hinaus wäre es nicht nur zweckdienlich, sondern auch notwendig für die Premierministerin über ihre Verhandlungslandschaft Kontrolle zu gewinnen.

Wie sieht nun diese Landschaft aus?

Im Kern besteht sie aus zwei Hauptverhandlungssträngen. Das Tauziehen mit der EU und der hausinterne Konflikt, um eine Einigkeit bzw. innere Kohärenz.
Dass mehrere Verhandlungsstränge die Gesamtlandschaft einer Verhandlung determinieren, ist in der politischen Umgebung nichts Ungewöhnliches. Zugleich muss bzw. müsste Theresa May im vorliegenden Fall berücksichtigen, dass die Chronologie und Interdependenz der genannten Konfliktfelder sehr wichtig und bei der Vorbereitung und Durchführung der Aktionen zu berücksichtigen wären. Konkret bedeutet dies, dass die Verhandlung, um eine Einigkeit in den eigenen Reihen zuerst hätte durchgeführt werden müssen und erst im Anschluss bzw. zeitversetzt das Tauziehen mit der EU. Es ist nicht trivial diesen Punkt zu erwähnen, denn die Premierministerin hat mit der EU, also mit 27 Staaten, einen Vertrag unterschrieben und ein solcher Vertrag sollte eingehalten werden. Aber sie unterschrieb den Vertrag ohne zuhause eine Mehrheit hierfür zu haben. Im Nachhinein stimmte sogar das Unterhaus mit einer überwältigenden Mehrheit dagegen.
Theresa May hat über ihre interne Verhandlungslandschaft überhaupt keine Kontrolle. Nicht nur das. Sie ist im Anschluss vom Unterhaus beauftragt worden, den Deal mit der EU nachzuverhandeln. Das heißt, May wird getrieben von den Kräften im eigenen Land. Sie kann keine Akzente setzen, um die Verhandlungsumgebung zu kontrollieren, sondern wird faktisch mit Verhandlungsaufgaben beauftragt und ist somit in einer völlig passiven Rolle.
 

Dass die EU in diesem Zusammenhang verunsichert ist und auch deshalb eine Nachverhandlung des vorliegenden Deals nicht angehen möchte, versteht sich von selbst. Denn bei der EU fragt man sich, welcher Einigung von den inneren Kräften in Großbritannien akzeptiert werden würde? Wie weit gehen müsse? Und ob May einen weiteren Deal hausintern durchsetzen kann? Oder ob das Tauziehen um erneute Zugeständnisse weitergeht?
Aus der empfundenen Unsicherheit heraus hält die EU an dem vorliegenden Deal fest. Natürlich spielen hierbei weitere Taktische Aspekte ebenso eine Rolle, aber die Unsicherheitskomponente ist beträchtlich.
 

Was nun?
 

May hat nicht mehr viele Möglichkeiten, um Kontrolle wiederzuerlangen, in einer aktiven Rolle hineinzukommen und der vorliegenden Verhandlung eine Richtung zu geben.
 

Eine Möglichkeit wäre eine parteiübergreifende Einigung mit Labour, um damit die Hardliner in den eigenen Reihen zu entmachten. Diese Vorgehensweise trägt die Chance den vorliegenden Deal mit der EU doch noch durchbringen zu können. Der Nachteil wäre für May eine Spaltung der eigenen Partei und damit auch persönliche Macht- und Positionsverlust, inklusive der Ämter. Zugleich scheint diese Option nach den aktuellen Geschehnissen nun endgültig vom Tisch zu sein.
 

Eine andere Möglichkeit ist, den Brexit abzusagen, das Unterhaus aufzulösen und Neuwahlen auszurufen. Damit würde sie die Macht wieder zurückgeben an das Britische Volk, die sich nun im Kontext von Brexit höchstwahrscheinlich anders entscheiden würde. Aber auch in diesem Falle drohen May persönliche Macht- und Positionsverlust, inklusive ihrer Ämter.
 

Jede andere Vorgehensweise bedeutet für May in der passiven Rolle zu bleiben, den Ausgang der Verhandlung anderen Kräften auf dem Feld zu überlassen und auf ein gutes Ende zu hoffen.
 

Es ist völlig klar, dass May bei dieser Bataille nicht nur um Einigungen, sondern auch um die Wahrung der eigenen Position kämpft. Die Kernfrage ist, und diese Frage stellt sich für jede Politikerin bzw. jeden Politiker: Was ist wichtiger? Die Wahrung der eigenen Position oder das Durchsetzen von politischen Zielen.

 

Einstweilen bleibt die Antwort auf diese Frage eine Dilemma-Situation für Theresa May.

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