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Gefühle verstehen

Das Verhandeln mit der Außenwelt ist immer ein Verhandeln mit sich selbst. Dieser Aspekt ist bereits in anderen Kapiteln angeschnitten und teilweise erläutert worden. Lassen Sie uns einen genaueren Blick auf dieses Thema werfen.


Im Moment der Entscheidungsfindung sind grob betrachtet zwei Instanzen in uns aktiv: die gedankliche Seite und die gefühlsbasierte Seite. Die gefühlsbasierte Seite erzeugt Gefühle, aber auch Emotionen. Die Emotionen können als ein Auf und Ab von Gefühlslagen betrachtet werden. Hiermit sind Gefühlslagen wie Wut, Euphorie, Trauer, Enttäuschung oder Ärger gemeint. Mit Sicherheit lässt sich diese Liste erweitern. Das Gefühl wiederum hat einen stetigen Charakter. Es stellt kein Auf und Ab dar, sondern es ist eine beständige Stimme in uns. Hiermit ist das allseits bekannte Bauchgefühl gemeint oder die intuitive Gefühlsstimme, welche wir in uns tragen. Während das Bauchgefühl sich durch Erfahrungswerte einstellen kann und somit vergangene und aktuelle Informationen und Daten in sich trägt, kann die Intuition durchaus zukünftige Werte aufnehmen und verarbeiten. Für den vorliegenden Sachverhalt genügt es, wenn wir die Gedanken bzw. den Intellekt einerseits und das Gefühl, in diesem Fall nur das Bauchgefühl, andererseits betrachten.


Schauen wir uns eine triviale Konstellation an, in der eine Entscheidung getroffen werden muss. Hierbei betrachten wir eine Person, die darüber nachdenkt, ihren Lebensmittelpunkt für eine gewisse Zeit zu ändern und in eine andere Stadt oder in ein anderes Land umzuziehen. Die Frage ist nun, welche innere Instanz ihr am besten helfen kann, diesbezüglich eine Entscheidung zu treffen.Nun, wenn die Person den Prozess gedanklich angehen würde, könnte sie Zettel und Stift zur Hand nehmen und mehrere Gründe dafür sowie mehrere dagegen aufschreiben. Eine solche Liste kann man endlos gestalten. Man kann unzählige Argumente für den Umzug und unzählige dagegen auflisten. Der Grund hierfür ist, dass die Antwort auf eine solche Frage nie ein Gedanke, sondern immer ein Gefühl ist. Es sind auch die Gefühle, welche die Person bewusst oder unbewusst beeinflussen, und damit auch die Gedanken, die sie niederlegt. Mit den Gedanken kann man in unterschiedlichsten Formen kausale Ketten bilden, die an sich logisch klingen, aber die Logik ist in solchen Fällen nicht in der Kausalität zu suchen, sondern in der Klarheit, und die Frage nach der Klarheit kann nur das Gefühl beantworten, weil nur das Gefühl im Sinne der Klarheit alle Daten und Werte aufnehmen und verwerten kann. Die intellektuelle Seite kann das nicht.


Warum ist das so? Um hierauf eine Antwort zu geben, müssen wir uns die Funktionsweisen des Intellekts bzw. der gedankenbasierten Seite und die der gefühlsbasierten Seite in uns einmal genauer anschauen. Die intellektuelle Seite in uns Menschen arbeitet alles sequentiell ab, eins nach dem anderen. Die gefühlsbasierte Seite arbeitet nicht derart, sondern sie kann alle Informationen parallel verarbeiten. Das heißt, sie nimmt alle Daten und Informationen parallel auf und verarbeitet sie zeitgleich. Somit ist die gefühlsbasierte Seite viel stärker und hat eine viel größere Verarbeitungsfähigkeit und -mächtigkeit als die gedankliche Seite. Aus diesem Grund kann diese Gefühlsseite auch viel mehr Daten und Informationen zeitgleich aufnehmen und auswerten als die gedankliche Seite in uns. Erst dadurch entsteht eine Klarheit in der Sache.Somit ist die Kernaufgabe des Intellekts, die Stimme der Gefühle in uns wahrzunehmen, diese zu verstehen und zu deuten. Erst die Symbiose, die Zusammenarbeit der beiden Instanzen in der richtigen Form, kann die Basis für eine gute Entscheidung schaffen und ihr Entstehen ermöglichen. Das heißt, die Entscheidung sollte stets von der Gefühlsinstanz getroffen und von der intellektuellen Instanz verstanden und gedeutet werden. Das Verstehen und Deuten der Gefühlsseite ist hierbei wichtig, da aufgrund der assoziativen Struktur des Gehirns auch Gefühle sich irren können, nämlich dann, wenn eine Fehlassoziation als Grundlage der Entscheidungsfindung dient. Zugleich können wir auf ein solch mächtiges Instrument wie das Gefühl nicht verzichten, wir müssen dieses Potential in uns ausschöpfen. Deshalb muss an dieser Stelle eine klare Aufgabenteilung vorgenommen werden. Das Gefühl sagt, wo es langgeht, und die Gedanken beschreiben uns, wie wir zum Ziel gelangen.


Wer diese Kerndynamik des Entscheidens in sich verstanden hat, kann seine inneren Kräfte viel besser einsetzen und nutzen. Am wichtigsten allerdings ist die Tatsache, dass man hierdurch viel bessere Entscheidungen treffen kann und, wie bereits in anderen Kapiteln erwähnt, steht und fällt jede Verhandlung mit den Entscheidungen, die wir in ihrem Kontext treffen.


Nun ist unser gesamtes System daraufhin geeicht, unsere gedankenbasierte Seite zu fördern und zu fordern. Mit dem Beginn der Schule und durch die Fortführung des gleichen Systems bei der Arbeit werden wir daraufhin konditioniert, ausschließlich die gedankliche Seite in uns zu entwickeln und als Grundlage jeder Entscheidung zu verwenden. Vernunft und Logik werden in unserem unausgesprochenen Wertesystem oberhalb von Gefühl und Intuition positioniert. Dies ist falsch. Die in diesem Kapitel erläuterten Aspekte machen die schlichte Falschheit dieses Ansatzes nachvollziehbar.


Seit vielen Jahren ist die Rede davon, dass die Menschheit nur einen geringen Teil ihrer Gehirnkapazität verwendet und ausschöpft. Die Frage stellt sich natürlich, wie wir das brachliegende Potential ausschöpfen können. Die Antwort liegt natürlich dort, wo das große Aufnahme- und Verarbeitungspotential liegt. Dabei werden wir über Jahre hinweg daraufhin konditioniert, dieses große Potential in uns zu ignorieren. Wer also seine inneren Kräfte besser abrufen will, muss sich an dieser Stelle bewusst umkonditionieren. Er oder sie muss damit beginnen, den Gefühlen eine größere Wertigkeit zukommen zu lassen, und diese Haltung auch ausleben, indem man stets bei all den Entscheidungen den eigenen Gefühlen Aufmerksamkeit schenkt, diese zu erfassen und zu verstehen versucht und den Entscheidungsfindungsprozess somit über die rein gedankenbasierte Form ausweitet. Gewiss wird eine solche innere Umänderung in der Anfangsphase nicht einfach sein, aber mit der Zeit wird jede einmal als Übung begonnene Tätigkeit zur Gewohnheit. Das bedeutet, der Prozess verselbstständigt sich in uns und wir führen diesen genauso selbstverständlich durch, wie wir ein- und ausatmen. Er macht uns keine Mühe mehr und das Resultat bessert unsere Lebensqualität, gewiss auch unsere Verhandlungsresultate.

 

 

 

 

 

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