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Gefühlsmodus

Ein Mandant, dessen Erlaubnis, von seinem Fall anonymisiert zu berichten, explizit eingeholt wurde, erzählte mir einmal von seinem Wunsch, nicht nur bei Verhandlungen, sondern auch bei anderen alltäglichen Interaktionen mit Menschen schlagfertiger zu sein, sich besser behaupten und anderen gegenüber durchsetzen zu können. Bei unserem diagnostischen Gespräch erzählte er mir, dass er oft im Nachhinein darüber fantasiere, wie er sich gegenüber einem Gesprächspartner, der ihm in der Realität überlegen gewesen war, hätte durchsetzen und seinen verbalen Attacken hätte begegnen können. Es gab allerdings interessanterweise auch Fälle, bei denen er sich selbst in den Tagträumereien einem Gesprächspartner gegenüber nicht durchsetzen konnte. Der Gesprächspartner übte eine derartige Dominanz aus, dass der Mandant selbst im Nachgang zum reellen Fall, also in seiner Fantasie, diesem gegenüber unterlegen war. Als ich fragte, warum das so sei, antwortete er: „Die (solche dominante Gesprächspartner) sind halt so. Mein Verstand weiß genau, wie die reagieren, und dann weiß ich auch in der Fantasie nicht, wie ich antworten soll.“ Ich fragte ihn, ob seine Fantasiegebilde in solchen Fällen eine Eins-zu-eins-Wiedergabe der Realität seien oder ob er sich dann auch über andere, neue Themen mit seinem Gesprächspartner austauschen würde und dieser auch völlig neue Aussagen treffen und mit neuen Statements kontern würde. Er sagte, das Zweite wäre der Fall. Ein solcher Gesprächspartner würde in seinen Fantasien auch mal mit neuen Statements kontern und dennoch könne er nicht passend darauf reagieren.Dies ergab nun eine sehr interessante Dynamik und eine wichtige Erkenntnis. Der Gesprächspartner attackiert mit neuen Inhalten. Inhalten, die dem Geist des Mandanten selbst entspringen, und dennoch kann der eigene Geist, der offenbar genau weiß, wie das Gegenüber redet und agiert, nicht passend respondieren – und das, obwohl der Mandant die gesamte Kontrolle über die Gestaltung seiner Fantasie hat. Genau dort liegt das Kernproblem. Wenn der Mandant selbst in der Fantasie nicht kontern kann, dann nur deshalb, weil er nicht die vollständige Kontrolle über seinen inneren Entscheidungsfindungsprozess hat. Deshalb kann er selbst in seinem eigenen geistigen Gebilde nicht wie gewünscht reagieren.


Die Frage ist nun, warum der Mandant nicht die vollständige Kontrolle über seine inneren Entscheidungsprozesse hat bzw. welche Instanz in der Person dann die Kontrolle hat.


In welchem Gefühlsmodus sich eine Person befindet, ist von immenser Bedeutung für die Entscheidungen, die diese Person trifft. Gefühle haben eine gravierende Wirkung auf unsere Entscheidungen. Deren Wirkung ist stärker als die unserer Gedanken. Eine Entscheidung steht nicht nur in Resonanz mit den Gedanken, die wir im Moment des Entscheidens in uns tragen, sondern vor allem steht sie im Einklang mit unseren Gefühlen. Denn Gedanken sind oft nichts anderes als eine Rationalisierung der dahinterliegenden Gefühle, ob nun bewusst oder unbewusst. Im Kern ist die Entscheidung somit in Harmonie mit den Gefühlen. Das bedeutet, dass jede Entscheidung, die getroffen wird, den dahinterliegenden Gefühlen entwächst. Sie bildet ein Konstrukt mit ihnen. Somit kann eine Entscheidung nur Wirkungen und Konsequenzen hervorrufen, welche sich mit den dahinterliegenden Gefühlslagen verzahnen. Damit schützt, wahrt und bewahrt die getroffene Entscheidung die aktuelle Gefühlslage im Moment der Entscheidungsfindung, und darüber hinaus sorgt sie für das Weiterbestehen der Gefühlslage. Denn sie ist im Einklang mit ihr.


Wenn wir neue Wege im Leben gehen wollen, wenn wir eine andere Art von Entscheidungen treffen wollen, anders als die zuvor, dann müssen wir dort ansetzen, wo die Wirkung am stärksten ist. Wir müssen unsere Gefühlslage ändern. Eine Änderung der Gedankensätze ist zwar auch hilfreich, aber in der Regel fällt man nach einer gewissen Zeit in die alten Entscheidungsfindungsmuster zurück, da die dahinterliegenden Gefühle weiterhin fortbestehen. Also müssen wir, um unsere Entscheidungsfindungsart nachhaltig zu ändern, unseren Gefühlsmodus umstellen. Um den eigenen Gefühlsmodus zu ändern, muss erst einmal der Status quo festgestellt werden. „Wie fühle ich mich in jedem Moment?“, wäre hier die Frage. Das heißt, man muss in der Lage sein, das eigene Gemüt, die eigene Gefühlslage zu jedem Zeitpunkt wahrzunehmen und zu benennen. Dies ist kein einfaches Unterfangen. Denn unser aktuelles Dasein ist ein verkopftes Dasein. Wir widmen im Kern unser Hauptaugenmerk unseren Gedanken. Fakten und Zahlen werden uns täglich, mindestens acht Stunden lang bei der Arbeit, abverlangt. Unsere wirtschaftspolitischen und politischen Strukturen haben den Anspruch, nach dem Prinzip der Fakten und deren Messbarkeit zu funktionieren. Unser gesamtes Leben wird daher stark nach diesen Werten ausgerichtet. Nicht ohne Grund finden Praktiken der Rückbesinnung zu den eigenen Gefühlen und zur eigenen Gemütslage, wie Yoga oder Meditation, seit Jahren immer mehr Zuspruch. Die Menschen nehmen sich Zeit, um zumindest in einer gewissen Phase den Zugang zur eigenen Seele und damit zu ihren Gefühlen zu finden. Die Herausforderung ist allerdings, die Wahrnehmung der eigenen Gefühle über den Tag hinweg aufrechtzuerhalten. Wenn es um einen laut ist, wenn man mit anderen Personen interagiert, sich austauscht, diskutiert oder sich streitet, wenn Autos vorbeifahren und zu viel Lärm erzeugen und wenn gute und weniger gute Nachrichten einen erreichen, dann heißt es: jetzt erst recht. Denn genau in solchen Momenten muss der Kontakt zu den eigenen Gefühlen vorhanden sein. Beim Meditieren oder ähnlichen Übungen gibt es keine Ablenkung, der Raum um einen ist ruhig, es kommen wenige bis keine Signale von außen. Wir müssen aber auch dann in Kontakt mit unseren Gefühlen sein, wenn wir dem unruhigen und ablenkungsreichen Alltag ausgesetzt sind. Das bedeutet, wir müssen den Fokus umlenken von den Gedanken auf die Gefühle. Nun ist es ja so, dass wir über den Tag unzählige Gedanken in uns tragen, sie schießen uns durch den Kopf und wir sind uns eines Großteils derer nicht einmal bewusst. Viele fangen damit an, über die innere Achtsamkeit sich ihrer Gedanken und auch deren Wirkungen bewusst zu werden. Wir wollen einen Schritt weitergehen. Es geht darum, die Achtsamkeit auf die eigenen Gefühle zu richten, und der beste Zugang zu den Gefühlen ist der Körper. Über die Wahrnehmung des eigenen Körpers, dessen Reaktionen, Anspannungen, Verspannungen, Schmerzen und angenehme Empfindungen gelangen wir direkt zu unseren Gefühlen. Das heißt, das Bewusstsein, ist auf die permanente Wahrnehmung des Körpers zu trainieren. Gewiss ist es mühsam, sich nicht nur in ruhigen Momenten, sondern auch im Eifer des Gefechtes der eigenen körperlichen Reaktionen, der eigenen Gefühle stets bewusst zu sein. An dieser Stelle nutzen wir die Beziehung zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein. Wenn eine gewisse Aktion, Handlungskette auf der bewussten Ebene permanent wiederholt wird, übernimmt das Unterbewusste. So lernen wir Auto zu fahren, so lernen wir, Sportarten oder komplexe Handlungsketten auszuführen. Wenn Sie also über mehrere Wochen hinweg Ihre Aufmerksamkeit bewusst Ihrem Körper und Ihren Gefühlen widmen, so übernimmt nach einer gewissen Zeit das Unterbewusstsein. Es wird wie das Atmen. Man muss nicht mehr darauf achten, sondern wir nehmen dann unbewusst die Reaktionen unseres Körpers sowie die dahinterliegenden Gefühle wahr. Dazu genügt es allerdings nicht, für ein oder zwei Stunden am Tag achtsam zu sein. Gewiss kann man damit beginnen, aber am Ende muss über einige Wochen hinweg die Aufmerksamkeit bewusst dem Körper und den Gefühlen gewidmet werden, damit das Unbewusste die Anordnung übernimmt.Diese Übung, welche langfristig in eine stetige Wahrnehmung übergeht, dient dazu, durch die verselbstständigte Achtsamkeit den eigenen Gefühlsmodus immer wahrnehmen zu können. Wenn wir uns in einem schlechten Gefühlsmodus befinden, zum Beispiel Wut oder Angst empfinden, so ist das Ziel nach deren Wahrnehmung, die Gefühlslage zu ändern. Wenn es um die Änderung der Gefühlslage geht, so sind Gedanken ein Mittel hierzu. Die Änderung der Gedanken führt eine Änderung der Gefühle herbei. Das Problem dabei ist, die Gedanken als Mittel zur Änderung der Gefühle zu verwenden, führt zu einer erneuten Kopflastigkeit, da die Auseinandersetzung mit den Gedanken dies erzwingt. Aus diesem Grund sehe ich auch an dieser Stelle den Körper als das geeignetere Mittel, um die gewünschte Gefühlsmodusänderung herbeizuführen.Die passende Körperhaltung erzeugt in uns die damit korrespondierenden Gefühle. Deshalb ist das erste Mittel der Wahl, über die Änderung der Körperhaltung eine Gefühlsänderung zu initiieren. Dies wird relativ leicht gelingen, sofern die betroffene Person über einen längeren Zeitraum der Achtsamkeit ein Bewusstsein für den eigenen Körper und die damit verbundenen Gefühlslagen erlangt hat.


Nun sind wir fast am eigentlichen Ziel angekommen bzw. stehen kurz davor in den Startlöchern. Es geht darum, Entscheidungen zu treffen, die einem guten Gefühlsmodus entspringen, da wir festgestellt haben, dass Entscheidungen das Weiterleben und Bestehen des Gefühlsmodus, aus dem sie resultieren, zu wahren wissen. Das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung ist eines, das auf der gedanklichen Ebene inzwischen bekannt und etabliert ist. Dieses Prinzip gilt vor allem aber auch für Gefühle, die Seite in uns, welche eine gravierendere Wirkung auf unsere Entscheidungen und deren Konsequenzen hat als unsere Gedanken. Wenn dem so ist, muss diese Erkenntnis in all unsere Entscheidungen einfließen. Das bedeutet, wir erkennen an, dass die selbsterfüllende Prophezeiung vor allem die Gemütsverfassung betrifft, in der wir uns im Moment der Entscheidungsfindung befinden. Sie, die Gemütslage, prophezeit durch ihre Präsenz die emotionale Wirkung und Konsequenz einer Entscheidung, die in ihrem Kontext getroffen wird. Eine Entscheidung, welche zum Beispiel aus dem emotionalen Kontext der Wut heraus getroffen wird, kann somit nur die Wut als emotionale Konsequenz haben. Um das eigene Leben zu ändern, muss man sich selbst ändern, und wer das beabsichtigt, sollte dort anfangen, wo Änderungen nachhaltig erfolgen, bei den eigenen Gefühlen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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